Freitag , Dezember 6 2019

TEST: Star Wars: Jedi Fallen Order – Endlich ein gutes Spiel?

Es gibt Zeiten, in denen viele fallen müssen, damit einige wenige zu wahrer Größe aufsteigen können. Im vorliegenden Beispiel war die beinahe komplette Auslöschung des Ordens der Jedi von Nöten, damit sich ein junger Padawan erheben kann um seine Bestimmung finden.

Wer auch nur annähernd etwas mit Star Wars anfangen kann wird sich erinnern, wie der frisch gebackene Imperator Palpatine in „Die Rache der Sith“ die berüchtigte Order 66 ausrief, welche fast, durch die Hand der Klone, das vollständige Ende der Jedi in der Galaxis bedeutete. Natürlich kamen einige mit dem Leben davon und setzten ihre Abenteuer in Film, Buch, Comics und Spiel fort. Zu dieser Zeit der überraschend stark anwachsenden Zahl von Überlebenden gesellt sich auch der Protagonist von Jedi Fallen Order (JFO), Cal Kestis. Jahrelang untergetaucht, um sich als Mechaniker durchzuschlagen, wächst und gedeiht in der Galaxis der eiserne Griff des Imperiums. Ein gesichertes wenn auch langweiliges Leben könnte vor ihm liegen. Doch das Schicksal, oder die Macht, scheinen andere Pläne mit Cal zu haben…

2019 ist ein gutes Jahr für Fans der Sternenkriege. Nicht nur erreicht uns im Dezember der Abschluss von Reys Abenteuern und das „Ende der Skywalker Saga“, sondern auch The Mandalorian startete (wenn auch erst 2020 bei uns) und die Regale sind gefüllt mit Büchern und grandiosen Comics. Wie gut, dass auch unser liebstes Hobby nicht zu kurz kommt. Star Wars Battlefront 2’s schwerer Start ist längst vergessen und die erschienenen Inhaltspatches hieven das Spiel in neue Spaßregionen, gerade im Multiplayer.

Wem der Sinn mehr nach Einzelspieler-Erlebnissen mit Story steht, wer alte Bekannte aus unterschiedlichsten Quellen wiedersehen möchte und sich gern mit Lichtschwert und Machtfähigkeiten seinen Weg durchs Abenteuer und Gegnerhorden bahnen will, für den könnte dieser Test zu Star Wars: Jedi Fallen Order genau richtig kommen. Hier wollen wir klären, ob es Cals Reise wert ist von euch erlebt zu werden oder ob dies ein Kapitel ist, das gern in den Annalen der Jedi-Historie verborgen bleiben kann.

Das hat uns gefallen

Wie lockt man heutzutage noch jemanden hinter dem Ofen hervor, der schon gefühlt alles gesehen und gespielt hat? JFO versucht es damit eine der größten Lizenzen überhaupt zu nehmen, und ihr das spielerische Gerüst erfolgreicher Titel über zu stülpen. Mit beachtlichem Erfolg! Die immersive Spielwelt und Atmosphäre sowie die in ihr gut eingebundenen Rätsel eines Uncharted oder Tomb Raider wurden hervorragend in die weit, weit entfernte Star Wars Galaxis transportiert und machen auch hier unglaublich viel Spaß. Wenn einen die Geschichte des jungen Padawan in uralte, längst vergessene Tempel trägt um dort nach mächtigen Artefakten zu suchen fühlt man sich nicht selten wie ein Lichtschwert schwingender Nathan Drake oder eine machtbefähigte Lara Croft. Diese Tempel sind zwar die Story- und Rätsel-Highlights, doch gibt sich auch die sonstige Spielwelt zu keiner Zeit eine Blöße. Das große Warum, die Story und ihre Charaktere, sind hervorragend erzählt und bergen für Kenner diverser Vorlagen und Einflüsse einige Überraschungen. Ein Wiedersehen mit alten Freunden und Feinden zaubert so manches Lächeln ins Gesicht – ohne dass nicht-Eingeweihte benachteiligt werden. Vaders Inquisitoren und natürlich der eigentliche Grund der Jagd auf Kestis, funktionieren auch so hervorragend.

Grafisch und vom Sounddesign wurde in die Vollen gegriffen und geklotzt, nicht gekleckert. Cals Reise bringt ihn und seine Kameraden Star Wars typisch weit herum, der ständige Planetenwechsel gehört hier zum guten Ton. Jeder der zu bereisenden Planeten birgt seine Eigenheiten, kommt komplett unterschiedlich daher und bietet teils atemberaubende Aussichten oder Kletterpassagen (Kashyyyk!). Die Grafikengine leistet hervorragende Arbeit und zaubert schicke Welten auf den Bildschirm und der Ton tut sein Übriges. Sowohl Sprachausgabe als auch Soundtrack sind sehr gut und passend. Gerade wenn man es schafft die englische original Tonspur zu nutzen, die im Download enthalten ist, klettert die Wertung für den Sound noch weiter hoch.

Auf diesen Welten dürft ihr, wie in oben bereits erwähnten Vorbildern, euren Weg durch die hiesige Flora und Fauna bahnen indem ihr klettert, hüpft, taucht oder rutscht, dass es eine Freude ist. Der Weg ist das Ziel und selten genug macht der Weg so viel Vergnügen. Mit fortschreitender Dauer schaltet ihr, genreüblich, neue Fähigkeiten frei die euer Fortkommen erleichtern oder sogar gänzlich andere Wege ermöglichen, Abkürzungen oder Geheimnisse erreichbar machen oder euch ganz einfach den Tag erleichtern. Hier wirft JFO eine Prise Metroidvania in den Topf und es macht durchaus Sinn, der Geschichte mal den Rücken zu kehren und zurück zu bereits besuchten Lokalitäten, sprich, Planeten, zu Reisen um die zuvor noch unerreichbare Tür zu öffnen. Es könnte sich ja ein Goodie dahinter verbergen das Cals Lebensenergie erweitert oder ihn neue Fähigkeiten lehrt.

Apropos Fähigkeiten. Diese schaltet ihr hauptsächlich in einem recht überschaubaren Skilltree frei. Überschaubar deswegen, weil er nicht überfrachtet oder ausufernd ist. Das mag daran liegen, dass diese Fähigkeiten sich ausschließlich auf Cals Kampfkraft auswirken. Hier passt ihr an ob ihr eher passiv oder aggressiv im Kampf zu Werke gehen wollt (oder mit etwas Geduld einfach alles skillt was der Baum zu bieten hat).

Der Kampf ist ohnehin eine der ganz großen Stärken von JFO. Der Entwickler, Respawn Entertainment, traf die absolut richtige Wahl auf Blaster als Waffe zu verzichten und schickt euch ausschließlich mit dem Schwert in den Konflikt. Und wo sonst sollte man sich inspirieren lassen als bei einem der einflussreichsten Spiele der letzten Jahre wenn es um den Schwertkampf geht – bei Dark Souls? Wer jetzt entnervt und den nächsten „billigen Soulsborne Klon“ befürchtet kann aufatmen. JFO nimmt sich Versatzstücke aus dem großen Vorbild und baut diese hervorragend in die besonderen Umstände einer Welt wie der des Star Wars-Universums ein. In einer Welt, in der es vor Truppen mit Blastern und sonstigen Fernwaffen nur so wimmelt, euer Protagonist aber aufs Lichtschwert allein angewiesen ist, wäre eine 1:1 Kopie unsinnig gewesen. Regelmäßig seht ihr euch einer Überzahl von Gegnern gegenüber die eine gefährliche Mischung aus Nah- und Fernkämpfern darstellen. Während ihr von Schockstäben beharkt um euer Leben kämpft, fliegen euch Blasterschüsse um die Ohren denen ihr ausweichen, oder – Star Wars typisch – die ihr ablenken oder mit dem richtigen Timing reflektieren könnt. Wenn dann noch Inquisitor-Truppen mit im Spiel sind wird es sehr schnell eng. Hier geht das Spiel den richtigen Weg und verzichtet komplett auf ein Ausdauersystem – der einzige Balken den ihr im Auge behalten solltet ist der eurer Lebensenergie. Gut so! Hier ist weniger tatsächlich mehr. Ihr könnt so zwar wesentlich uneingeschränkter dem Ausweichen und Angreifen frönen, erwartet aber nicht jede Auseinandersetzung spielerisch zu gewinnen. Die Kämpfe bleiben fordernd und das Managen von Angriff, Verteidigung und Heilung will gut getimt sein. Bei allem Lob sei aber auch erwähnt, dass JFO sich sehr gut bei Dark Souls bedient, dessen Brillanz im Kampf aber nie ganz erreicht. Doch das muss es auch gar nicht um zu funktionieren.

Das Speicher- bzw. Lagerfeuersystem stammt auch aus dem Vorbild, wurde aber minimal angepasst. An diesen Orten könnt ihr wie gewohnt pausieren, sprich speichern und eure Talente skillen. Ob ihr allerdings rastet und somit sowohl eure Heiltränke (hier als Stim bekannt) auffüllt und im gleichen Atemzug erlegte Gegner respawnen lasst ist euch überlassen. Als Rücksetzpunkt nach Cals Ableben fungiert der Platz auch ohne dass ihr Feinde wiederbelebt.

Wem die Kämpfe zu schwer oder einfach die Story erleben möchte, kann Gebrauch vom einstellbaren Schwierigkeitsgrad machen. Auf der niedrigsten Stufe sollte es für niemanden ein Hindernis darstellen, sich durch die Gegner(horden) zu mähen und ein Gefühl von Macht zu verspüren. Die gesenkte Schwierigkeit gibt euch entschieden mehr Zeit auf Angriffe zu reagieren oder diese zu parieren. Dass ihr merklich mehr Schaden anrichtet tut natürlich sein Übriges. Im Gegenzug können Veteranen oder Freunde der Herausforderung den Spieß auch umkehren und die Schwierigkeit nach oben schrauben. Engere Zeitfenster, um auf Angriffe zu reagieren fordern den Spieler mehr als nur eine simple Verlängerung der gegnerischen Lebensbalken. Ein sehr gutes System das für jeden etwas bieten dürfte.

Für jeden etwas bieten klingt nach Individualisierung. Diese bietet JFO tatsächlich, wenn auch rein optisch. Auf eurer Reise findet ihr immer wieder neue Skins für euren Poncho, euer Schiff oder euren Begleiter. Den treuen Droiden BD-1. Letzter nimmt eine besondere Rolle ein, da er nicht nur eine Rolle in der Story spielt, sondern euch als permanent aktiver Gefährte in Kampf und Rätsel zur Seite steht. Sogar als Tippgeber kann der kleine Kerl fungieren, wenn ihr mal nicht weiterwisst. Dass er dann noch Türen und Kisten öffnen kann und ohnehin einfach goldig ist… fast geschenkt!

Welchen Skin ihr ihm oder euch nun verpasst ist eine reine Frage des Geschmacks. Unterschiedliche Werte oder Boni bringt keines der Stücke. Für Fashionistas kann die digitale Kleiderkammer und das Sammeln auch der letzten Farbe für euren Raumer durchaus spielspaßfördernd sein. Wem das nicht reicht und gern etwas mehr Rollenspiel hätte der sieht das vielleicht als Minuspunkt. Was und zum nächsten Abschnitt bringt.

Das hat uns nicht gefallen

Ein wenig hadere ich mit dem Umfang. Einerseits genieße ich die straffe Erzählung in der nicht zu viel Zeit mit Nebentätigkeiten oder schlimmer noch Nebensächlichkeiten vergeudet wird, andererseits hätte ich gern mehr von den Abenteuern Cal Kestis‘ gesehen und gespielt. Die Welten und Charaktere böten viele Möglichkeiten für weitere Erlebnisse und Details die es zu entdecken gäbe. Die Geschichte funktioniert tadellos und Art und Umfang, doch bleibt ein leichter Beigeschmack in Form von Hoffnung auf mehr zurück. Vielleicht ist das auch nur der Star Wars Geek in mir der immer nach mehr schreit.

Ein weiteres Mehr das ich mir gewünscht hätte wäre, in Ermangelung eines Schnellreisesystems, die Möglichkeit unterschiedliche Landeplätze pro Planet zu haben. Die Geschichte oder der eigene Entdeckertrieb bringt einen nach gewissen Meilensteinen oder dem Erhalt neuer Fähigkeiten gern zu bereits besuchten Orten. Wenn das zu erreichende Ziel sich am völlig anderen Ende der Karte befindet heißt es sich wieder durch alle Gegner zu kämpfen und jede Hüpfpassage zu wiederholen. Abkürzungen können dies zwar vermindern, dennoch wirkt es ab dem dritten Besuch ein wenig wie Pflicht statt Kür. Weitere Landeplätze oder ein Schnellreisesystem, vielleicht per Speeder, wäre hier hilfreich und fast überall passend gewesen. Alles in Allem kein Beinbruch, doch passte das aufkommende „Muss ich da jetzt schon wieder durch?“-Gefühl nicht in den sonst so flüssig erzählten Spielfluss.

Es gab Augenblicke, da habe ich mir einen Hauch mehr Kontrolle im Kampf gewünscht. Etwas das mir JFOs Vorbild gefühlt mehr bot. Es gab Situationen in denen mir Fähigkeiten um die Polygonohren flogen die allesamt Schaden anrichteten, weil ich dem ersten Angriff nicht entging. Also sah ich der Trefferanimation zu und bevor ich Gelegenheit hatte der nächsten Attacke zu entgehen, schlug diese auch schon ein. Ich bilde mir ein, dass die Frames (sprich Zeiten in denen der Charakter vor Schaden geschützt war, da in einer Animation ohne Möglichkeit für den Spieler einzugreifen) einen Ticken großzügiger hätten ausfallen können. Vielleicht war ich auch nur zu großspurig beim Schwierigkeitsgrad oder fühlte mich im antrainierten Rhythmus eines Dark Souls zu sicher. Um Missverständnissen vorzubeugen: Die Kämpfe sind jederzeit lesbar, bestreitbar und gewinnbar. Es ist ein rein subjektives Gefühl, und im zweiten Ansatz lag eigentlich jeder Feind. (Bis auf diesen einen &%$§***“en Feind…).

Fazit

Ein vor Atmosphäre triefendes Abenteuer mit alten Bekannten neuen Freunden, optisch beeindruckenden Blicken auf fremde Welten und forderndem Kampsystem. Genau das braucht es jetzt um den Hype um Star Wars aufrecht zu erhalten. Doch auch allein und für sich funktioniert Jedi Fallen Order großartig und unterhält für die Dauer seiner Spielzeit hervorragend. Jeder der auch nur entfernt etwas mit der weit, weit entfernten Galaxis etwas anfangen kann greift bedenkenlos zu.

Zudem ist Star Wars: Jedi Fallen Order auch ein Paradebeispiel dafür, was Entwickler für EA schaffen können, wenn sie nicht dem Zwang von Microtransactions und der Nutzung der Frostbite-Engine unterliegen. Es bleibt zu hoffen, dass EA durch den Erfolg des Spiels wachgerüttelt wird.

Wertung

Grafik - 87%
Sound - 85%
Gameplay - 90%
Umfang - 85%

87%

Gut!

Nathan Drake, Lara Croft... und nun Cal Kestis. Willkommen im Club der Abenteuer-Spieleperlen!

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