Samstag , November 18 2017

Test: Thrustmaster Warthog – Ein viel zu teures „Spielzeug“?

Ein zufriedenes Zurücklehnen nach der riskanten Landung auf der Raumstation bringt meinen Stuhl zum Knarzen. Ein schiefes Grinsen im Gesicht, die Hände noch auf Schubregler und Stick, beschließe ich, dass es den Aufwand absolut wert war. Auf dem Monitor dreht sich die umfangreiche Welt von Elite: Dangerous, doch dank meines neuen Kampfgefährten, dem Thrustmaster Warthog, lässt sich diese Komplexität unsagbar besser handhaben.

Der Warthog ist ein Erbe jener Eingabegeräte, mit denen wir uns noch in den 80ern und 90ern in Spielhallen und später zuhause an Amiga und co. die Nächte um die Ohren spielten. Einfachste Bauart, gern mit nur zwei Knöpfen, begleiteten sie uns durch jedes Spiel. Flug- und Space Combat Simulationen wie bspw. Falcon 4.0 oder die X-Wing oder auch Wing Commander Serie machten irgendwann klar, dass sich nicht nur die Spiele, sondern auch die Eingabegeräte weiterentwickeln mussten. Was die Gamer-Mäuse mit 2000 dpi und etwa genauso vielen Buttons für die einen, wurden die HOTAS für die anderen: Notwendig. HOTAS steht für „Hands On Throttle And Stick“, also „Hände an Schub und (Joy)Stick“, und macht schon durch die Namensgebung klar, dass die „1-Stick-2-Buttons“-Zeit lange vorbei ist.

Aktuelle HOTAS lassen euch mit eurer linken Hand den Schub und mit der rechten die Flugsteuerung übernehmen. Dazu kommt eine unterschiedlich große Zahl an Knöpfen an beiden Geräten um euch den Einsatz der Tastatur so weit wie möglich ersparen.

Ich selbst hatte seit knappen 20 Jahren den Microsoft Sidewinder Precision Pro/Force Feedback Pro im Einsatz, der immer gute Dienste geleistet hat. Lange, lange Zeit stand er nun aber ungenutzt im Schrank, da nicht einmal Narren wie ich immer X-Wing vs. TIE Fighter o.ä. spielen können. Dem Wiederaufkeimen der Space Combat Simulatoren (oder wo auch immer man seine Präferenzen setzt) wie Elite: Dangerous, Star Citizen, Everspace und co. sei gedankt, dass mein Joystick vom Schrank zurück auf den Tisch wanderte.

Nach nur wenigen Stunden und Flugversuchen wurde mir dann klar, dass mein guter alter Sidewinder aktuellen Aufgaben nicht mehr gewachsen war. Dass die Kalibrierung andauernd erneuert werden musste und sich das Ganze dennoch unsauber spielte, erklären die Jahre, die an ihm genagt haben. Das gute Stück war einfach „auf“. Doch selbst wenn er die lange Verbannung im nutzlosen Schrank-Exil überstanden hätte, wäre er mit der Aufgabe ein umfangreiches, aktuelles Spiel, in diesem Fall Elite: Dangerous, zu bändigen, komplett überfordert gewesen. Ersatz musste her.

Der Markt für Joysticks ist nicht gerade riesig, der für HOTAS‘ sogar noch kleiner. Am Ende beschloss ich, mir zwei Modelle ins Haus zu holen, die jeweils ein Ende der Preisspanne abdecken. Beide aus dem Hause Thrustmaster, fiel die Wahl auf den T.Flight Hotas X und eben den Warthog um den sich dieser Test dreht. So oder so ändert ein HOTAS alles wenn es um das Spielgefühl geht und ich würde jedem anraten einen zu nutzen, der plant im Genre der Flugsimulationen (egal ob im All oder der Atmosphäre) Fuß zu fassen oder mehr Kontrolle möchte. Maus und Tastatur sind für diese Art Spiele einfach nicht gemacht und höchstens in Menüs zu gebrauchen. Ein Gamepad sollte nur eine Notlösung darstellen. Ein Joystick ist ein toller Einstieg und lässt einen „wirklich fliegen“. Doch ein HOTAS, Leute, ein HOTAS ändert alles!

Jetzt, wo klargemacht wurde, warum so ein Teil ins Haus und auf den Schreibtisch musste, wird es Zeit, das gute Stück zu begutachten und vergebene Vorschusslorbeeren zu begründen.

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Das hat uns gefallen

Eigentlich sollte dieser Part des Berichts mit in die Einleitung. Der Part in dem wir zu dritt doof grinsend Einzelteile aus dem Paket nehmen und erstaunt darüber Schwadronieren wie cool und vor allem schwer dieses Teil doch ist. Dann wurde mir klar, dass es bereits einen sehr großen Pluspunkt des Warthog widerspiegelt: Immense Wertigkeit.

„Das ist echt kein Spielzeug“ war der erste Kommentar als der Warthog in Gänze montiert vor uns stand. Zwei separate Einheiten – eben Schubeinheit und Kontroll-Joystick – die sogar eigene USB-Anschlüsse benötigen. Knappe 8 kg Metall und etwas Plastik… das ist mal ein Statement. Unauffällig, fast vergessen und etwas beschämt stand daneben der erwähnte T.Flight Hotas X. Dieser soll auch in diesem Test noch positive Erwähnung finden, doch ergeben wir uns der Schwerkraft des Warthog (bei dem Gewicht ja kaum verwunderlich) und fixieren uns auch weiterhin auf diesen.

Die Replik der Steuerungseinheiten der A-10 Warthog, die dieser HOTAS darstellt, geht einfach keine Kompromisse ein. Das Layout von Schub- und Steuerungshebel sind direkt an die der berühmt-berüchtigten Vorgabe angelehnt, was auch prominent beworben und auch den Einheiten gedruckt angepriesen wird. Inklusive US Air Force Sticker.

Man muss schon etwas Raum schaffen um dem Warthog den benötigten Platz zu machen. Beide Einheiten sind groß dimensioniert, wie erwähnt fast komplett aus Metall und somit sehr schwer für „simple Peripherie“. Doch wenn sie stehen, stehen sie. Gummifüße unter beiden erschweren ein Verrutschen sehr – man muss schon ordentlich Kraft aufwenden beim normalen Spielen Bewegung in die Sache zu bringen. Wem das nicht reicht sei beruhigend gesagt, dass Thrustmaster vorgesorgt hat: Sowohl Schub- als auch Joystickeinheit lassen ich dank vorgebohrter Löcher spielend leicht festmontieren. Nötig war diese Möglichkeit bei mir nie, doch ist es schön sie zu haben.

Nach dem simplen Anschließen mit jeweils einem USB-Kabel an den Rechner, der beide Geräte sorglos sofort erkannte, sprang ich schnellstmöglich ins erste Spiel (Elite in diesem Fall, es folgten weitere) um endlich richtig Hand anzulegen. Doch, Moment… irgendetwas habe ich vergessen. Ihr erinnert euch an den eingangs erwähnten Aufwand? Der folgte jetzt. In Form der Tastenbelegung.

Im Fall des Warthog kann man hier vor die eine oder andere Herausforderung gestellt werden. Im Spiel einfach den nächst besten Button mit Funktion-X zu belegen reicht hier schnell nicht mehr aus. Nicht nur, dass am HOTAS eine Unzahl an Knöpfen, Buttons, Reglern, Coolie-Hats, Schaltern… zu finden ist. Diverse Profile machen euch das Leben in dieser Sache auch kaum leichter. Die Art und Weise der Schalter kann beispielsweise auch für manche Hürde Sorgen. Statt eines Buttons, den man einfach drückt und der das Spiel eine Funktion ausführen lässt (sagen wir in diesem Fall den Notausstieg per Schleudersitz), nimmt ein Spiel diese Schalter als gedrückt wahr, so lange sie umgelegt sind. Im Schleudersitzbeispiel würde das heißen: Wir legen den Schalter um und werden aus dem Schiff katapultiert. Da wir es nicht gewohnt sind oder vergessen haben oder wir es wie jetzt demonstrieren wollen, lassen wir diesen Schalter in umgelegter Stellung. Einen Respawn später pfeffert uns das Spiel bei erster sich ihm bietender Gelegenheit wieder aus der Kanzel. Warum? Weil der Schalter noch umgelegt ist! Wir müssten also, um uns einfach und einmalig per Schleudersitz zu retten, den Schalter umlegen und sofort wieder zurück in Ausgangsstellung bringen. Das ist anfangs sehr verwirrend und je nach belegter Funktion richtiggehend nervend. Doch es gibt Abhilfe (die mit noch mehr Aufwand verbunden ist).

Dem Warthog beigelegt ist die T.A.R.G.E.T. Software die es euch ermöglicht, die Belegung und Funktion aller Tasten (Buttons, Schalter, Regler…) anzupassen. Mit ihr ist es auch möglich, das einmalige Auslösen des Fallschirms sofort bei Umlegen des Schalters zu bewirken. Oder einen Knopf als immer gedrückt zu bewerten. Oder. Oder. Oder. Dazu kommen Möglichkeiten zur Automatisierung, Makros und so weiter. Diese Eingriffe ermöglicht T.A.R.G.E.T. aber nur, wenn es im Hintergrund aktiv ist und mit entsprechendem Script läuft. Eine Einarbeitung ist dringend erforderlich! Gut, dass es im Netz viel Hilfe und bei Bedarf komplette Profile gibt.

Natürlich arbeitet der Warthog auch ohne die Software sehr gut. Mit ihr eröffnen sich nur neue Möglichkeiten und etwaige Probleme, die mit der Eingewöhnung oder dem Komfort zu tun haben, lassen sich so geschickt umgehen sowie das „Arbeiten“ mit dem HOTAS sich besser an die eigenen Bedürfnisse anpassen. Ein paar Worte mehr verliere ich weiter unten zu der Software wenn es um die Aspekte geht, die mir nicht so gut gefallen.

Jetzt aber langsam mal Butter bei die Fische…

  • Ausgepackt? Check!
  • Aufgestellt? Check!
  • Eingerichtet? Check!
  • So let’s play!

Kurz und knapp: Es steuert sich fantastisch! Da wackelt nichts, da klappert nichts. Der Stick zieht nicht in eine Richtung oder reagiert verspätet auf eine Eingabe. Eine „Tote Zone“ (das ist in dem Fall ein Bereich in der Mitte, der Ruheposition des Joysticks, in dem eine Bewegung nicht erkannt wird) ist nicht vorhanden. Ich möchte mein Schiff nur ein Stück nach links neigen um eine kleine Korrektur vorzunehmen? Mein Schiff neigt sich nur ein Stück nach links und nimmt eine kleine Korrektur vor. Die Steuerung ist direkt und unmittelbar. Das haptische Feedback ist ebenso befriedigend und gehört bald zum Spielgefühl dazu. Wenn mein Schalter beim Umlegen hör- und fühlbar einrastet, steigert sich die Immersion des Spiels ungemein. „Das ist echt kein Spielzeug“ schießt es mir erneut durch den Kopf, da es sich nicht im Geringsten so anfühlt. Merklicher Widerstand beim Steuern und Schub geben vermitteln einem ein wenig das Gefühl, man bewegt, wuchtet, das Schiff/Flugzeug wirklich vorwärts. Das macht extrem hektische Manöver schwergängiger, fast anstrengender als beispielsweise mit dem T.Flight HOTAS aus dem gleiche Hause, steuert sich dafür aber wesentlich präziser und kontrollierter.

Die kalt-grüne Beleuchtung an der Schub-Einheit ist ein nützliches (erleichtert sie doch das Erkennen der Knöpfe (Schalter, Coolie-Hats, …) im Dunkeln) und witziges Feature, das auch optisch einfach eine gute Figur macht. Am Joystick leuchtet hingegen nichts, was aber in keiner Hinsicht ein Nachteil ist. Die Knöpfe (…) sind hier allesamt gut zu erreichen, Orientierungsprobleme dürfte hier niemand haben.

Die Masse an Schaltern (Knöpfen, Reglern, …) am Warthog macht den Einsatz von Maus und Tastatur im Spiel eigentlich obsolet. Natürlich navigiert es sich im Menü noch am besten mit dem Nager, doch können im Spiel und erst Recht im Eifer des Gefechts die Hände beruhigt am HOTAS bleiben. Auf ihm sollte jede Funktion des Vehikels ihren Platz finden. „Zur Not“ gibt es noch Doppelbelegungen und Makros. Wer will und sich als Enthusiast im Genre sieht, greift noch zum MFD Cougar-Set (Displays und noch mehr Knöpfe für Unersättliche, ebenso konfigurier- und bearbeitbar mit der T.A.R.G.E.T. Software), ebenfalls aus dem Hause Thrustmaster, und legt sich vielleicht noch Pedalen als Eingabegerät zur Roll-Funktion zu. Denn wenn ein Kompromiss gemacht wurde, um die Stabilität des Joysticks am Limit zu halten, dann der, auf eine Rollfunktion zu verzichten. Wo andere Joysticks und HOTAS, so auch der T.Flight, es erlauben, durch Eindrehen des Joysticks das Schiff um seine eigene Achse zu rollen, bietet der Warthog diese Funktion nicht. Hier hatten Authentizität (die A-10 bot es nicht, dann der Warthog auch nicht) und das Maximum an Präzision absoluten Vorrang. Wer will und diese Art der Steuerung gewohnt ist, kann es als handfesten Nachteil ansehen – was uns gleich zum nächsten Abschnitt des Tests bringt. Allen (anderen) sei aber gesagt, dass es sich nach kurzer Ein- bzw. Umgewöhnungszeit sehr gut ohne dieses Feature spielt. Auch in Elite: Dangerous ist das Rollen des Schiffs nur einen Knopfdruck entfernt.

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Das hat uns nicht gefallen

Der ganze Ruhm des Warthog hat natürlich auch einen Preis. Sogar einen gesalzenen. Gute 300 Euro (dreihundert!) werden für das Maximum als Kontrolle fällig, und dieser Preis hält sich ziemlich stabil. Diese finanzielle Hürde ist die höchste beim Anschaffen des HOTAS. Die, die als erste genommen und am meisten bedacht werden will. Hier steht definitiv nicht die Preis-Leistung im Mittelpunkt der Entwicklung, sondern es geht um nur um Leistung allein. Non-Plus-Ultra. Top Notch. Wer akzeptieren kann, dass dieses Limit entsprechendes Geld kostet und bereit ist es auch auszugeben: Ich gratuliere zu ihrem neuen Warthog!

Der Wegfall der Rollfunktion kann manchem sehr stark aufstoßen und den Warthog als HOTAS der Wahl ausscheiden lassen. Für einen der drei Tester, die Hand an das System legten, war es der Fall. Zwei von uns, darunter ich, gewöhnten sich schnell um. Ich weiß das Maximum an Kontrolle und Präzision jetzt sogar absolut zu schätzen und scheue das Drücken eines Knopfes mehr nicht. Hier spielen persönliche Meinungen und Gewohnheiten eine große Rolle. Wer kann, sollte eine Proberunde drehen.

Meine persönliche(!) Meinung und Rat: Haltet die Eingewöhnungsphase durch, es ist die Sache wert!

Ein Punkt, den die massive Verarbeitung und die Schwere der Steuerung mit sich bringen, ist eine gewissen, gefühlte, Behäbigkeit in hektischen Situationen. Es erfordert schlicht mehr Kraft, mehr Hub, Schub um den Joystick zu bewegen, schließlich wird hier hochwertige Mechanik bewegt. „Das ist echt kein Spielzeug“ – erinnert ihr euch? Im Gefecht kann es schon anstrengender werden als bspw. mit dem T.Flight. Auch dies gehört zur Eingewöhnungsphase und wird auf lange Sicht niemandem das Gerät vergrätzen. Erwähnung finden muss es dennoch.

Als letztes soll erneut die Software T.A.R.G.E.T erwähnt werden. Sie ermöglicht einem das grenzenlose Konfigurieren sämtlicher Knöpfe (Coolie-Harts, Regler, Schalter, …), macht es einem aber nicht gerade leicht. Die äußere Erscheinung ist im besten Fall zweckdienlich und keinesfalls schick. Übersicht stand nicht im Mittelpunkt der Entwicklung, soviel ist sicher. Es wird einiges an Einarbeitungszeit erfordern, bis man die Software beherrscht. Selbst dann heißt es oft Ausprobieren, Verwerfen, Nachlesen… ohne dass man auch nur die Möglichkeiten der Script-Programmierung erkannt hat. Hier dürfte gern nachgearbeitet werden. Die Web-Community hilft einem hier mit Rat und Tat (und fertigen Profilen) immer weiter, doch verdient der Warthog sicher eine bessere Software-Unterstützung.

Fazit

Auf dem Überschaubaren Markt für Joysticks und HOTAS nimmt der Thrustmaster selbstbewusst den Königsthron für sich in Anspruch. Passionierte Vielflieger mit dem Willen, für ihr Hobby auch entsprechendes Geld zu investieren, greifen bedenkenlos zu oder haben es längst getan. Der Warthog ist eine Investition für viele Jahre, im wiederkehrenden Flieger-Genre absolut zuhause und in keinem Fall ein Fehlgriff.

Wer nur ab und zu ein Ründchen fliegt, ohne die Rollfunktion des Sticks unmöglich klar kommt oder ein eng gestecktes Budget hat, findet allerdings auch Alternativen.

Wer ernst machen will greift zum Warthog. Denn „das ist echt kein Spielzeug“!

Wertung

Haptik - 95%
Handling - 100%
Verarbeitung - 95%
Preis - 80%

93%

Sehr Gut!

Der Thrustmaster Warthog ist DER HOTAS für jene, die keine Kompromisse eingehen wollen und den tiefen Griff in die Geldbörse nicht scheuen. Mehr Kontrolle geht derzeit nicht!

User Rating: 4.55 ( 1 votes)

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